Systemrelevant

Wir erinnern uns: In der Finanzkrise 2008 hieß es, die Banken seien too big to fail, zu groß und bedeutend um zu scheitern, sie seien systemrelevant. Ihr Zusammenbruch wäre für die Gesellschaft fatal gewesen, der Staat musste einspringen um sie zu retten.

Nun ist der Begriff wieder in der Debatte. Doch diesmal geht es nicht um Banken. Jetzt in der Coronakrise zeigt sich, auf welche Branchen und Jobs es auch ankommt um die Wirtschaft am Laufen halten. Sehr schnell wuchs die Erkenntnis, wie wichtig Altenpflegerinnen, Krankenschwestern, LKW-Fahrer, Kassiererinnen und Verkäufer*innen sind. Nun rücken Krankenhäuser, Stadtreinigungen und Supermärkte in den Fokus. Ohne die Arbeit dieser Beschäftigten würde unsere Gesellschaft nicht funktionieren.

Plötzlich systemrelevant?

Die Krise macht deutlich, welche Tätigkeiten für die Gesellschaft besonders wichtig sind.  Man spricht dabei von kritischer Infrastruktur oder systemrelevanten Berufen. Welche Tätigkeiten im Einzelnen dazu gehören regeln die jeweiligen Bundesländer. So sind in NRW u.a. die Tätigkeiten im Groß- und Einzelhandel inklusive Zulieferung und Logistik als systemrelevant eingestuft.

„Kassierer und Verkäufer sind essenziell, damit alle Menschen in Deutschland weiterhin mit Lebensmitteln versorgt werden können“ (SZ vom 17.3.2020). Landwirtschaftsministerin Klöcker zu Beginn der Coronakrise: „Auch Verkäuferinnen sind systemrelevant“. 

Wichtig dabei ist: Auch in „normalen“ Zeiten ist die Arbeit im Handel von besonderer Bedeutung! Die Beschäftigten sind nicht nur jetzt systemrelevant sondern generell.

Lob für die Corona-Held*innen

Es brauchte also erst eine besondere Ausnahmesituation um zu erkennen, was wirklich wichtig ist. Sei es bei den Alten- und Pflegeheimen, sei es in den Krankenhäusern, sei es bei der Paketzustellung oder in den Supermärkten…

Plötzlich stehen nun auch einmal die Beschäftigten des Einzelhandels im Mittelpunkt! Im normalen Alltag sieht das ganz anders aus:

  • „Oft ist es so dass der Job einer Verkäuferin, einer Kassiererin einfach nur milde belächelt wird“ (O-Ton einer Kassiererin, SWR3):

Erfreulich, dass jetzt die gesellschaftliche Bedeutung des Handels besser erkannt wird, erfreulich, dass auch einmal die Arbeit der Verkäufer*innen und Kassierer*innen öffentlich wertgeschätzt wird! Von Einigen werden sie sogar als Corona-Helden gefeiert… 

Es ist es sicherlich gut, einmal „offiziell“ bestätigt zu bekommen, wie wichtig ihre Tätigkeit ist. Und auch Zuspruch und Applaus tun gut. An den eigentlichen Problemen im Einzelhandel ändert das allerdings sehr wenig… 

Systemrelevant – aber schlecht entlohnt

Es fällt auf, dass nun Branchen und Berufe in den Fokus rücken, die in normalen Zeiten sehr wenig Beachtung finden. Bereiche, in denen die Beschäftigten nach Einkommen, Arbeitszeiten und Arbeitsbelastung meist deutlich schlechter dastehen als ihre Kollegen in der Industrie. Und, was Wunder: es handelt sich dabei um Tätigkeiten, die überwiegend von Frauen ausgeübt werden… 

  • Die Heldinnen der Coronakrise bekommen viel Applaus, aber wenig Lohn.

Es gehört zur bitteren gesellschaftlichen Realität dass hierzulande gleichwertige Arbeit immer noch ungleich entlohnt wird. In Männerdomänen wird besser bezahlt.

Qualifizierte Beschäftigte im Einzelhandel bekommen deutlich weniger Lohn und Gehalt als Fachkräfte im produzierenden Gewerbe… 

Aber das ist nur ein Teil des Problems. Verdi konnte in den letzten Jahren einige bemerkenswerte Erfolge erringen, doch von diesen tarifpolitischen Verbesserungen profitieren immer weniger Beschäftigte weil immer mehr Arbeitgeber Tarifflucht begehen Nur rund ein Drittel aller Einzelhandelsbeschäftigten kommt heute in den Genuss der tarifvertraglichen Regelungen.

Das hat sich auch bis ins Bundesarbeitsministerium rumgesprochen: 

  • Hubertus Heil: Die Tarifbindung im Einzelhandel ist “ganz lausig“.
     

Systemrelevante Tätigkeiten besserstellen!

Systemrelevante Berufe brauchen endlich eine Aufwertung, gesellschaftlich und beim Lohnniveau. Die Leistungsträger*innen der Coronakrise müssen besser bezahlt werden! Applaus und warme Worte der Anerkennung reichen nicht. Wertschätzung hat auch einen Preis. Extrazahlungen sind gut, nachhaltige Tarifverträge sind besser!

Für den Einzelhandel kann das nur heißen: Tarifflucht und Dumpinglöhne müssen ein Ende haben. Es braucht allgemeinverbindliche Tarifverträge. Die Arbeitgeber müssen endlich ihre Blockadehaltung aufgeben. Und die Politik muss unser Anliegen unterstützen. Bundesarbeitsminister Heil macht sich stark für allgemeinverbindliche Tarifverträge in Pflege und Einzelhandel. Gut so! Wir nehmen den Arbeitsminister beim Wort – aber den Worten müssen bald auch Taten folgen…

Hoffen wir, dass diesmal die richtigen Konsequenzen gezogen werden. Dass am Schluss nicht wieder nur Abwrack-, bzw. “Neustartprämien“ stehen. Die Leistungsträger*innen der Coronakrise müssen bessergestellt werden, und zwar auf Dauer. Sie haben es verdient!